Impostor-Syndrom: Der unsichtbare Feind, der jeden Autor befällt

Ein verzweifelter Mann sitzt an einem Schreibtisch und schreibt, den Kopf auf eine Hand gestützt. Hinter ihm taucht eine dunkle, schattenhafte, gesichtslose Gestalt auf, die Angst oder innere Unruhe symbolisiert. Neben ihm sind ein paar Bücher gestapelt.

Das Impostor-Syndrom bei Autoren ist kein Zeichen von mangelndem Talent, sondern oft das Gegenteil: Wer sich selbst hinterfragt, nimmt sein Schreiben ernst. Dieses Gefühl, nicht gut genug zu sein oder als Hochstapler entlarvt zu werden, betrifft selbst erfolgreiche Autoren. Es entsteht aus der Diskrepanz zwischen eigener Wahrnehmung und tatsächlicher Leistung – und lässt sich durch bewusste Strategien in den Griff bekommen.

Du sitzt vor deinem Manuskript, Kapitel fünf ist endlich fertig, und dann kommt dieser Gedanke: „Das ist doch alles Schrott. Wer will das lesen?“ Oder schlimmer noch: „Ich bin gar kein richtiger Autor. Ich spiele nur eine Rolle.“ Diese innere Stimme ist leise, aber hartnäckig. Sie nistet sich ein, sobald du einen Roman beginnst, ein Manuskript überarbeitest oder dein erstes Buch veröffentlichst.

Das Impostor-Syndrom ist der stille Begleiter vieler Kreativer. Bei Autoren hat es eine besondere Brisanz, weil Schreiben so persönlich ist. Du legst Gedanken, Gefühle und Fantasien offen – und fragst dich gleichzeitig, ob du überhaupt das Recht hast, das zu tun.

Was das Impostor-Syndrom eigentlich ist

Der Begriff stammt aus der Psychologie und beschreibt ein Phänomen, bei dem Menschen ihre Erfolge nicht sich selbst zuschreiben können. Stattdessen führen sie alles auf Glück, Zufall oder Täuschung zurück. „Ich hatte nur Glück mit diesem Verlag.“ „Die Leser haben noch nicht gemerkt, dass ich keine Ahnung habe.“ „Andere Autoren sind viel besser.“

Das Perfide daran: Das Impostor-Syndrom trifft oft gerade die, die gut sind. Wer unreflektiert vor sich hin schreibt, zweifelt selten. Wer aber sein Handwerk ernst nimmt, sich weiterentwickeln will und einen kritischen Blick auf die eigene Arbeit wirft, ist anfälliger für diese Zweifel.

Es ist keine Krankheit, keine Störung – sondern eine Denkfalle. Und wie bei jeder Falle hilft es, sie zu erkennen.

Warum Autoren besonders betroffen sind

Schreiben ist einsam. Du sitzt allein vor dem Bildschirm, erschaffst Welten, entwickelst Figuren – und hast dabei keine unmittelbare Rückmeldung. Kein Applaus nach einer gelungenen Szene, kein Lob nach einem starken Dialog. Nur Stille.

Gleichzeitig ist Schreiben extrem subjektiv. Was die eine Leserin großartig findet, langweilt den nächsten Leser. Es gibt keine objektive Messlatte, kein eindeutiges „richtig“ oder „falsch“. Das macht es schwer, die eigene Leistung einzuschätzen.

Hinzu kommt die Vergleichskultur. Auf Social Media sehen wir ständig, wie andere Autoren neue Bestseller veröffentlichen, Preise gewinnen, Fünf-Sterne-Rezensionen sammeln. Wir sehen die Erfolge – aber nicht die Rückschläge, die Zweifel, die zehn Jahre harte Arbeit davor.

Das Impostor-Syndrom gedeiht in dieser Unsicherheit. Es flüstert: „Siehst du? Die können das. Du nicht.“

Die typischen Gedankenmuster

Vielleicht erkennst du einige dieser Gedanken wieder:

„Ich bin kein echter Autor, weil…“ …ich keine Ausbildung habe, keinen Literaturpreis gewonnen habe, nicht bei einem großen Verlag bin, noch keinen Bestseller geschrieben habe. Die Liste der Bedingungen ist endlos. Und egal, was du erreichst – die innere Stimme findet immer einen neuen Grund, warum es nicht zählt.

„Das war nur Glück.“ Dein Roman verkauft sich gut? Reines Glück. Du bekommst eine gute Rezension? Die Leserin war wohl in guter Stimmung. Ein Verlag interessiert sich für dein Manuskript? Wohl gerade keine besseren Einsendungen da.

„Bald merken alle, dass ich keine Ahnung habe.“ Die Angst vor dem großen Entlarvungsmoment. Irgendwann wird jemand merken, dass du eigentlich nicht weißt, was du tust. Dass du nur so tust, als könntest du schreiben.

„Andere sind viel besser.“ Der ständige Vergleich. Mit etablierten Autoren, mit Debütanten, die sofort durchstarten, mit jedem, der scheinbar mühelos das schafft, wofür du kämpfst.

Was das Impostor-Syndrom mit dir macht

Diese Gedanken sind nicht harmlos. Sie beeinflussen, wie du arbeitest und wie du dich fühlst.

Perfektionismus ist eine häufige Folge. Wenn du glaubst, nicht gut genug zu sein, willst du es besonders gut machen. Jeder Satz muss perfekt sein, jede Szene makellos. Das Resultat: Du kommst nicht voran. Du überarbeitest ein und dasselbe Kapitel zum zehnten Mal, anstatt weiterzuschreiben.

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Prokrastination ist die andere Seite derselben Münze. Wenn du überzeugt bist, dass dein Schreiben ohnehin nicht gut genug ist, warum dann überhaupt anfangen? Lieber noch eine weitere Schreibratgeber lesen, noch einen Kurs machen, noch ein bisschen warten, bis du „bereit“ bist.

Erfolge abwerten gehört ebenfalls dazu. Gute Rezensionen? Die Leser sind zu nett. Verkaufszahlen? Hatte ich Glück mit dem Timing. Du kannst deine Leistung nicht genießen, weil du sie dir nicht zugestehst.

Das alles kostet Energie. Und es hält dich davon ab, das zu tun, wofür du eigentlich hier bist: schreiben.

Was wirklich hilft

Das Impostor-Syndrom verschwindet nicht einfach. Aber du kannst lernen, anders damit umzugehen.

Erkenne die Gedanken als das, was sie sind. Sie sind keine Fakten, sondern Interpretationen. Wenn dein Gehirn dir sagt, dass du keine echte Autorin bist, kannst du das als Information wahrnehmen – aber nicht als Wahrheit akzeptieren. „Aha, da ist wieder dieser Gedanke. Ich kenne dich.“

Sammle Beweise für das Gegenteil. Schreib dir auf, was du schon geschafft hast. Jedes beendete Kapitel, jede positive Rückmeldung, jeder kleine Erfolg. Nicht, um anzugeben, sondern um eine Gegenrealität zu schaffen. Die Zweifel werden immer wieder kommen – aber du hast dann etwas, das du ihnen entgegenhalten kannst.

Sprich darüber. Mit anderen Autoren, mit Freunden, mit jemandem, der versteht, was du durchmachst. Du wirst feststellen: Fast alle, die ernsthaft schreiben, kennen diese Gefühle. Das macht sie nicht weniger unangenehm, aber es nimmt ihnen die Macht. Du bist nicht allein, und du bist nicht defekt.

Definiere für dich, was ein Autor ist. Ist ein Autor jemand, der bei einem Verlag ist? Der Preise gewonnen hat? Der von seiner Arbeit leben kann? Oder ist ein Autor einfach jemand, der schreibt? Wenn du schreibst – Romane, Kurzgeschichten, was auch immer – dann bist du Autorin. Punkt. Alles andere sind Kategorien, die andere erfunden haben.

Erlebe dein Schreiben aktiv. Nicht jedes Wort muss ein Meisterwerk sein. Manchmal ist es okay, einfach nur vorwärtszukommen. Einen ersten Entwurf zu schreiben, der noch holprig ist. Eine Szene zu skizzieren, die später überarbeitet wird. Schreiben ist ein Prozess, kein fertiges Produkt.

Der Unterschied zwischen Selbstkritik und Selbstsabotage

Sich selbst zu hinterfragen, ist wichtig. Es gehört zum Handwerk. Wer nie zweifelt, entwickelt sich nicht weiter. Das Problem entsteht, wenn aus gesunder Selbstkritik lähmende Selbstsabotage wird.

Selbstkritik fragt: „Wie kann ich diese Szene besser machen?“ Selbstsabotage sagt: „Diese Szene ist hoffnungslos. Ich bin hoffnungslos.“

Selbstkritik hilft dir, dein Handwerk zu verbessern. Selbstsabotage hält dich davon ab, überhaupt zu arbeiten.

Der Unterschied liegt nicht immer in den Gedanken selbst, sondern in dem, was du mit ihnen machst. Nutzt du sie, um weiterzukommen? Oder nutzt du sie, um aufzuhören?

Die Wahrheit über „echte“ Autoren

Hier ist das Geheimnis, das niemand gerne ausspricht: Auch die Autoren, die du bewunderst, haben Zweifel. Auch sie fragen sich manchmal, ob ihr Schreiben gut genug ist. Auch sie haben Tage, an denen sie sich wie Hochstapler fühlen.

Der Unterschied ist nicht, dass sie diese Gefühle nicht haben. Der Unterschied ist, dass sie trotzdem weitermachen.

Du musst nicht frei von Zweifeln sein, um zu schreiben. Du musst nur bereit sein, trotz der Zweifel zu schreiben.

Ein letzter Gedanke

Das Impostor-Syndrom ist kein Zeichen dafür, dass du nicht schreiben solltest. Es ist ein Zeichen dafür, dass dir dein Schreiben wichtig ist. Dass du es ernst nimmst. Dass du gut sein willst.

Das ist keine Schwäche. Das ist eine Grundvoraussetzung für alles, was du erreichen willst.

Also schreib weiter. Mit den Zweifeln, trotz der Zweifel, durch die Zweifel hindurch. Du bist keine Hochstaplerin. Du bist eine Autorin, die lernt, arbeitet und wächst.

Und das ist mehr als genug.

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