KDP Select oder Wide Publishing: Vor- und Nachteile im Überblick

Ein handgezeichnetes, zweigeteiltes Bild: links eine Waage mit Daumen hoch, Daumen runter, Plus und Minus; rechts ein offenes Buch, gestapelte Bücher und eine Weltkugel.

Die Entscheidung zwischen KDP Select und Wide Publishing gehört zu den ersten großen Weichenstellungen für Selfpublisher. Sie bestimmt, wo deine Bücher erhältlich sind, wie du sie vermarkten kannst und welche Einnahmen du generierst. Beide Wege haben ihre Berechtigung – doch welcher passt zu dir und deinem Buch? Ein Blick auf die realen Vor- und Nachteile hilft dir, eine informierte Entscheidung zu treffen, die zu deiner Situation passt.

Was bedeutet KDP Select eigentlich?

KDP Select ist Amazons Exklusivprogramm für Selfpublisher. Du verpflichtest dich für mindestens 90 Tage, dein E-Book ausschließlich über Amazon zu verkaufen. Im Gegenzug erhältst du Zugang zu bestimmten Marketing-Tools und einer höheren Ausschüttung in Kindle Unlimited (KU). Das klingt erst mal simpel – und ist es im Grunde auch.

Die Exklusivität bedeutet konkret: Dein E-Book darf in dieser Zeit auf keiner anderen Plattform erscheinen. Nicht bei Tolino, nicht bei Apple Books, nicht einmal auf deiner eigenen Website. Printversionen und Hörbücher sind davon nicht betroffen, die kannst du weiterhin überall anbieten.

Was heißt Wide Publishing?

Wide bedeutet: Du veröffentlichst dein Buch auf mehreren Plattformen gleichzeitig. Amazon ist dabei nur einer von vielen Shops. Du nutzt zusätzlich Tolino (relevant für den DACH-Raum), Apple Books, Kobo, Google Play Books und vielleicht noch weitere Anbieter. Manche Autoren arbeiten dabei mit Aggregatoren wie Draft2Digital oder PublishDrive, um nicht auf jeder Plattform einzeln hochladen zu müssen.

Der Grundgedanke: Du diversifizierst deine Einnahmen und machst dich unabhängiger von einem einzelnen Verkaufskanal.

Die Vorteile von KDP Select

Kindle Unlimited als Reichweitenmotor
Der größte Vorteil ist die Teilnahme an Kindle Unlimited. Leser können dein Buch „kostenlos“ lesen (sie zahlen ein monatliches Abo), und du wirst pro gelesener Seite bezahlt. In manchen Genres – Romance, Fantasy, Thriller – werden deutlich mehr Seiten über KU gelesen als Bücher verkauft. Das kann zu erstaunlich stabilen Einnahmen führen, besonders wenn du mehrere Bücher in einer Serie hast.

Kostenlose Aktionen
Mit KDP Select kannst du dein Buch für begrenzte Zeit kostenlos anbieten. Das Tool eignet sich gut, um Sichtbarkeit zu erzeugen, neue Leser zu gewinnen oder eine Serie anzuschieben. Gerade für den ersten Band einer Reihe kann eine gezielte Gratis-Aktion Wunder wirken. (Countdown Deals gibt es nur auf Amazon.com und Amazon.co.uk)

Höhere Tantiemen in bestimmten Märkten
In einigen Ländern außerhalb der USA erhältst du über KDP Select eine etwas höhere Ausschüttung. Das ist kein riesiger Unterschied, aber er summiert sich über die Zeit.

Einfachheit
Du musst dich nur mit einer Plattform auseinandersetzen. Ein Dashboard, eine Kontoverbindung, ein Format. Das spart Zeit und Nerven, besonders am Anfang.

Die Nachteile von KDP Select

Du bist abhängig von Amazon
Wenn Amazon die Regeln ändert – und das tut der Konzern regelmäßig –, musst du damit leben. Die Ausschüttung pro gelesener KU-Seite schwankt, Algorithmen werden angepasst, Richtlinien verschärft. Du hast keine Kontrolle darüber.

Du verlierst potenzielle Leser
Nicht jeder liest auf einem Kindle oder nutzt die Kindle-App. Im deutschsprachigen Raum ist Tolino weit verbreitet – viele Leser kaufen gezielt dort, weil sie Amazon meiden wollen oder ihre Tolino-Geräte bevorzugen. Diese Leser erreichst du mit KDP Select nicht.

Keine eigene Mailing-Liste durch Gratis-E-Books
Du darfst dein Buch in KDP Select nirgendwo sonst kostenfrei anbieten – auch nicht an Newsletter-Abonnenten auf deiner Website. Das erschwert den Aufbau einer eigenen Leserschaft außerhalb von Amazon.

Langfristige Flexibilität fehlt
Du bindest dich für mindestens 90 Tage. Wenn du merkst, dass Wide besser funktionieren würde, musst du warten. Und nach drei Monaten verlängert sich die Teilnahme automatisch, wenn du nicht rechtzeitig kündigst.

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Die Vorteile von Wide Publishing

Du erreichst mehr Leser
Jede Plattform hat ihre eigene Leserschaft. Bei Tolino kaufen Menschen, die bewusst nicht bei Amazon bestellen wollen. Apple Books hat eine treue Community, ebenso Kobo. Manche Genres laufen auf bestimmten Plattformen besonders gut – und das findest du nur heraus, wenn du dort präsent bist.

Du diversifizierst deine Einnahmen
Wenn eine Plattform schwächelt oder eine Änderung einführt, die dir schadet, hast du andere Standbeine. Das gibt ein Stück Sicherheit, vor allem auf lange Sicht.

Höhere Preisflexibilität
Du bist nicht an Amazons Preisgestaltung gebunden. Manche Plattformen erlauben höhere Preise oder andere Rabattstrukturen. Du kannst experimentieren und schauen, was wo funktioniert.

Du behältst die Kontrolle
Keine Exklusivität bedeutet: Du entscheidest, wo und wie deine Bücher verfügbar sind. Du kannst ein E-Book als Lead Magnet auf deiner Website verschenken, Gratis-Codes für Newsletter-Abonnenten verteilen oder direkt verkaufen.

Die Nachteile von Wide Publishing

Kein Kindle Unlimited
Das ist der größte Knackpunkt. In vielen Genres macht KU einen erheblichen Teil der Einnahmen aus. Wenn du wide gehst, verzichtest du auf diesen Einkommensstrom. Ob das sinnvoll ist, hängt stark von deinem Genre ab.

Mehr Aufwand
Du musst dich mit mehreren Plattformen vertraut machen, mehrere Abrechnungen im Blick behalten, eventuell mit Aggregatoren arbeiten. Das kostet Zeit, gerade am Anfang.

Sichtbarkeit ist schwieriger
Amazon hat ausgefeilte Algorithmen und ein riesiges Publikum. Auf kleineren Plattformen wie Tolino musst du mehr Eigenmarketing betreiben, um wahrgenommen zu werden. Der Traffic ist einfach geringer.

Geringere Tantiemen pro Verkauf auf manchen Plattformen
Nicht jede Plattform zahlt die gleichen Tantiemen. Manche liegen unter Amazons 70 %, andere bieten nur 60 % oder sogar weniger. Das solltest du einrechnen.

Besonderheiten für den DACH-Raum

Im deutschsprachigen Raum ist die Situation etwas anders als in den USA. Tolino hat hier einen starken Marktanteil und wird von vielen Buchhandlungen unterstützt. Das bedeutet: Wide Publishing kann sich lohnen, selbst wenn deine Verkäufe auf Tolino niedriger sind als bei Amazon. Du zeigst Präsenz in einem Markt, der für viele Leser wichtig ist – auch symbolisch.

Ein weiterer Punkt: Der deutsche Markt ist kleiner als der englischsprachige, aber er ist zahlungskräftig und loyal. Leser, die dich einmal gefunden haben, bleiben oft dabei. Wide Publishing kann dir helfen, diese langfristigen Leserbindungen aufzubauen.

Wie triffst du die Entscheidung?

Es gibt keine pauschale Antwort. Beide Wege funktionieren, aber nicht für jeden gleich gut.

Frag dich:

  • In welchem Genre schreibst du? (Romance, Fantasy und Thriller laufen oft gut in KU. Literatur, Sachbuch und Nische eher wide.)
  • Hast du schon eine Leserschaft oder startest du von Null?
  • Wie wichtig ist dir Unabhängigkeit von einem einzelnen Anbieter?
  • Wie viel Zeit und Energie willst du in den Vertrieb stecken?

Eine pragmatische Herangehensweise: Probiere KDP Select für die ersten 90 Tage aus, wenn du unsicher bist. Schau dir die Zahlen an. Wenn KU gut funktioniert, bleib dabei. Wenn nicht, wechsle zu Wide. Du musst dich nicht für immer festlegen – manche Autoren veröffentlichen verschiedene Serien auf unterschiedliche Weise.

Ein Gedanke zum Schluss

Die Frage KDP Select oder Wide ist keine Glaubensfrage. Sie ist eine strategische Entscheidung, die du anhand deiner Ziele, deines Genres und deiner Ressourcen treffen kannst. Beide Wege haben ihre Vor- und Nachteile – und beide können funktionieren.

Das Wichtigste bleibt ohnehin: dass du schreibst, veröffentlichst und deine Leser erreichst. Alles andere sind Werkzeuge, die du nutzen kannst, wie es für dich am besten passt.

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