Warum Plotter oder Pantser die falsche Frage ist

Eine Person sitzt an einem Schreibtisch mit einer Schreibmaschine und hält ihren Kopf in Gedanken. Hinter ihr erscheinen zwei große Fragezeichen, die Verwirrung oder eine Schreibblockade symbolisieren. Zerknitterte Papiere füllen einen Papierkorb in der Nähe.

Die Frage, ob du ein Plotter oder ein Pantser bist, fühlt sich manchmal an wie eine dieser Persönlichkeitstests, bei denen am Ende steht: „Du bist eindeutig Typ A!“ Nur dass die Realität des Schreibens sich nicht besonders für solche klaren Schubladen interessiert. Vielleicht ist es Zeit, diese Diskussion anders zu führen – nicht als Identitätsfrage, sondern als das, was sie eigentlich ist: eine Frage der Werkzeuge, nicht der Zugehörigkeit.

Die Falle der falschen Dichotomie

Wenn wir über Plotten und Pantsen sprechen, tun wir oft so, als gäbe es zwei klar getrennte Lager. Auf der einen Seite die disziplinierten Plotter mit ihren Notizzetteln und Strukturplänen. Auf der anderen die kreativen Freigeister, die sich treiben lassen. Die einen „machen es richtig“, die anderen folgen ihrer Intuition.

Das Problem: Diese Gegenüberstellung suggeriert, dass du dich entscheiden musst. Dass du eine Methode wählst und dann dabei bleibst. Als würde die Art, wie du an ein Projekt herangehst, etwas über deinen Charakter aussagen.

Aber Schreiben funktioniert nicht so.

Was die Diskussion eigentlich sein sollte

Stell dir vor, jemand fragt dich: „Bist du eher ein Hammer-Mensch oder ein Schraubenzieher-Mensch?“ Du würdest wahrscheinlich antworten: „Kommt drauf an, was ich bauen will.“

Genau darum geht es beim Schreiben auch. Plotten und Pantsen sind Werkzeuge. Manchmal brauchst du das eine, manchmal das andere, oft eine Kombination aus beidem. Die Frage ist nicht, welcher Typ du bist, sondern was dein aktuelles Projekt von dir braucht.

Ein komplexer Thriller mit mehreren Handlungssträngen? Da kann ein solider Plot dir helfen, den Überblick zu behalten. Eine emotionale Charakterstudie, bei der du noch nicht genau weißt, wohin die Reise geht? Vielleicht ist es besser, dich erstmal treiben zu lassen.

Der Mythos vom „richtigen Weg“

Wir alle kennen diese Geschichten: Stephen King schreibt ohne Outline. Brandon Sanderson plant jedes Detail. J.K. Rowling hatte sieben Bände im Kopf, bevor sie anfing. Und irgendwie wird daraus dann eine Regel gemacht.

„Schau, [berühmter Autor] macht es so – also ist das der Weg zum Erfolg!“

Aber diese Logik ist ungefähr so sinnvoll wie zu sagen: „Picasso hat mit blauer Farbe angefangen, also solltest du das auch tun.“ Was für einen Autor funktioniert, kann für einen anderen vollkommen falsch sein. Nicht weil die Methode schlecht ist, sondern weil sie nicht zu dir, zu diesem Projekt, zu diesem Moment passt.

Was wirklich passiert, wenn du schreibst

Die meisten von uns bewegen sich ohnehin irgendwo auf einem Spektrum. Du hast vielleicht eine grobe Vorstellung davon, wie dein Roman endet, aber der Weg dorthin entsteht beim Schreiben. Oder du planst drei Akte, lässt aber innerhalb jeder Szene Raum für Überraschungen.

Das ist keine Inkonsequenz. Das ist Handwerk.

Schreiben ist ein Prozess, der verschiedene Phasen hat. Manchmal musst du dich treiben lassen, um eine Figur wirklich kennenzulernen. Manchmal brauchst du einen Plan, um nicht in einer endlosen Nebenstory zu versinken. Und oft wechselst du mehrmals zwischen beidem, während du an einem einzigen Buch arbeitest.

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Die eigentliche Frage

Anstatt dich zu fragen: „Bin ich ein Plotter oder ein Pantser?“, könntest du dich fragen: „Was brauche ich gerade, um weiterzukommen?“

Fühlst du dich verloren in deiner Geschichte? Dann könnte ein bisschen Struktur helfen. Ein einfacher Dreisatz, eine Liste mit den wichtigsten Wendepunkten. Nichts Ausgefeiltes, nur ein Gerüst.

Fühlt sich dein Schreiben steif an, als würdest du einen Bauplan abarbeiten? Dann lass den Plot für eine Weile los. Schreib eine Szene, ohne zu wissen, wohin sie führt. Folge einer Figur, die dich interessiert, auch wenn du noch nicht verstehst, warum.

Praktisch gedacht

Die meisten Schreibprojekte brauchen beides. Einen Moment der Freiheit, in dem du entdeckst, worum es wirklich geht. Und einen Moment der Struktur, in dem du das Chaos in eine erzählbare Form bringst.

Manche entdecken die Geschichte zuerst und strukturieren dann. Andere planen erst und füllen beim Schreiben mit Leben. Wieder andere bewegen sich in Wellen: schreiben, überdenken, neu ordnen, weiterschreiben.

All das ist vollkommen in Ordnung.

Warum diese Diskussion überhaupt existiert

Vielleicht liegt der wahre Grund für die Plotter-Pantser-Debatte woanders. Wir suchen nach Sicherheit. Nach einer Methode, die uns verspricht: „Wenn du es so machst, funktioniert es garantiert.“

Aber diese Garantie gibt es nicht. Nicht beim Plotten, nicht beim Pantsen, nicht bei irgendeiner Methode. Schreiben ist immer auch ein Experiment. Jedes Buch ist anders. Du bist mit jedem Projekt ein bisschen anders.

Das kann verunsichern. Oder befreien.

Der hilfreiche Blickwinkel

Anstatt dich in eine Kategorie zu pressen, könntest du neugierig bleiben. Was hat beim letzten Projekt funktioniert? Was würdest du diesmal anders machen? Welche Werkzeuge helfen dir gerade weiter?

Wenn du merkst, dass du seit Wochen an derselben Stelle feststeckst, probier etwas Neues. Nicht weil deine Methode falsch ist, sondern weil Abwechslung manchmal der Schlüssel ist.

Plotter können vom Pantsen lernen, wie man einer Figur Raum gibt. Pantser können vom Plotten lernen, wie man Struktur nutzt, ohne sich einzuengen. Und die meisten von uns sind ohnehin schon irgendwo dazwischen.

Am Ende zählt das Buch

Die Leser deines Romans werden nicht fragen, wie du ihn geschrieben hast. Sie interessiert nicht, ob du vorher geplant oder dich treiben lassen hast. Sie wollen eine gute Geschichte.

Und gute Geschichten entstehen auf viele verschiedene Arten.

Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis diese: Es gibt keinen falschen Weg. Es gibt nur den Weg, der für dich und für dieses Projekt funktioniert. Der muss nicht derselbe sein wie beim letzten Buch. Und er muss nicht derselbe sein wie bei allen anderen.

Du darfst experimentieren. Du darfst dich verändern. Du darfst Werkzeuge nutzen, die zu dir passen, und den Rest ignorieren.

Die Frage ist nicht, ob du ein Plotter oder ein Pantser bist. Die Frage ist: Was hilft dir, deine Geschichte zu erzählen?

Und die Antwort darauf findest nur du.

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